Tibetische Medizin

Die tibetische Heilkunde wurde zuerst vor rund 2500 Jahren von dem historischen Buddha Shakyamuni gelehrt. Dieser manifestierte sich als Medizin-Buddha, tibetisch Sangje Menla, ausgestattet mit allen Merkmalen eines vollkommenen Buddhas. Der Medizin-Buddha hat eine blaue Körperfarbe, in seiner rechten Hand hält er eine Heilpflanze, in der linken eine mit Nektar gefüllte Bettelschale.

Westliche und Tibetische Medizin

Der Hauptunterschied zwischen der Westlichen und der Tibetischen Medizin liegt in der Betrachtungsweise des Körpers. In der Westlichen Medizin wird der Körper als komplexe Maschine angesehen. In dieser ‘Maschine’ laufen verschiedene Prozesse ab, von denen man nur ein beschränktes Wissen hat. Deshalb ist diese Medizin mit ihrer Weisheit oft sehr schnell am Ende und gewisse Krankheiten nehmen unkontrolliert ihren eigenen Lauf. Nur wo Krankheitsverläufe aus empirischen Studien bereits genau bekannt sind, kann mit der Westlichen Medizin konkrete Hilfe geleistet werden.

In der Tibetischen Medizin ist die Angehensweise komplett anders. Der Körper wird als Projektionsobjekt des Geisteszustandes angesehen. Jeder Vorgang in unserem Körper wird gesteuert von den sogenannten "Lebenssäften", welche die äußerlichen und innerlichen Einflüsse symbolisieren. Damit ist unsere komplexe Körperform reduziert auf ein von unserem Geist geformtes Abbild.

Ein besonderes Merkmal der Tibetischen Medizin ist, dass sie einen gelassenen und friedlichen Geist für sehr wichtig hält. Wer einen ruhigen Geist besitzt, wird weniger krank, und wenn er krank wird, erholt er sich schneller. Und die Hauptbedingung für einen ruhigen, starken und lebhaften Geist ist Güte, eine gütige Einstellung. Je mehr Güte im Geist ist, umso friedvoller wird er. Da der Buddhismus in Tibet einen großen Einfluss hatte, finden sich auch in der Tibetischen Medizin buddhistische Einflüsse. So gibt es zum Beispiel buddhistische Rituale, um die Potenz eines Medikamentes zu aktivieren (z.B. kostbare Arzneien, bei Mondschein nach einem speziellen Ritus gefertigte Juwelenpillen). Ein buddhistischer Arzt aktiviert und verstärkt zum Beispiel die Wirksamkeit eines Medikamentes, indem er das Mantra des Medizin-Buddha rezitiert.

Entwicklung der Tibetischen Medizin

In Indien wurde die buddhistische Medizinlehre von berühmten Gelehrten wie Nagarjuna, Ashvagosha, Jevaka Kumara und Padmasambhava praktiziert. Im 7. Jahrhundert wurden die zunächst in Sanskrit verfaßten Lehren von dem Übersetzer Vairocana ins Tibetische übersetzt. Zu dieser Zeit existierte in Tibet eine Volksheilkunde, die mündlich überliefert wurde, medizinische Schriften gab es nicht. Diese bestand im wesentlichen aus einfachen Behandlungsmethoden wie z. B. Gerstenbier und warme Butter zur Behandlung von Schnittwunden, sowie Kenntnissen über eine gesundheitsfördernde Ernährung.

Zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert wurde das Hauptwerk der buddhistischen Medizinlehre, die „Vier Tantras", tibetisch Gyü zhi, in Tibet eingeführt. Die Lehre wurde jedoch zunächst wieder in Form eines Schatztextes, tibetisch Terma, im Kloster Samye verborgen. Später wurden diese von einem "Schatzfinder", dem Terton, wiederentdeckt und durch große Ärzte wie Yuthog Yontän Gonpo angewandt und in Tibet verbreitet. Seit dieser Zeit entwickelte sich die buddhistische Medizinlehre und wird auch heute noch in Tibet, Ladakh, Sikkim, Buthan und der Mongolei praktiziert.

Wege der Tibetischen Medizin

Alle Arten von Krankheiten können in der Tibetischen Medizin mit den drei Lebenssäften Wind, Galle, Schleim und deren unterschiedlichsten Kombinationen, erklärt und mit dem Buddhismus begründet werden. Ist die Ursache einer Krankheit einmal gefunden, können dementsprechend Heilmittel eingesetzt werden. Durch Änderung des Verhaltens, eine spezifische Diät oder Kräuterpillen kann meist schon eine Heilung stattfinden, aber auch Akupressur, Heilmeditation und Moxabution, eine Sonderform der Akupunktur, werden als sehr wirksame Behandlungsmethoden eingesetzt. Weil vor langer Zeit ein König ein Verbot für chirurgische Eingriffe verhängt hatte, mussten die tibetischen Mediziner Alternativen suchen, und dies war ihnen mit den obengenannten Methoden erfolgreich gelungen.

Die Stärke der Tibetischen Medizin liegt aber nicht nur in den speziellen Behandlungsmethoden, sondern in den exakten Diagnosen, welche ein erfahrener Arzt durch fühlen und beobachten des Pulses erstellen kann. Auch dies ist nur möglich mit dem Verständnis, dass unser Geist alles über die drei Lebenssäfte auf unseren Körper projiziert und durch diesen manifestiert.

Die Philosophie

Die traditionelle Tibetische Medizin ist seit ihren historisch belegten Anfängen im 7. Jahrhundert bis heute weitgehend unbeeinflusst von westlichen Medizinströmungen geblieben. Die Philosophie der Tibetischen Medizin ist einzigartig und unterscheidet sich von allen anderen Medizinlehren dieser Erde. Allenfalls Systemähnlichkeiten finden sich mit der Medizintradition der Hopi-Indianer Nordamerikas.

Nach der Lehre des historischen Buddha ist das menschliche Leben vom Leiden geprägt. Dessen Wurzeln sind die "Drei Gifte": die Begierde nach der Erfüllung des Lebensdurstes, der Widerwille oder Hass gegen alle Hindernisse, die dieser Erfüllung entgegenstehen, und die Verblendung, die sich als Ich-Wahn manifestiert.
Die Illusion einer unveränderlichen Ichheit verstellt den Blick auf die Wirklichkeit, führt zum Anhaften an der Sinneswelt und damit zu immer neuen Wiedergeburten. Diese als Unwissenheit bezeichnete Geistesverfassung bedingt körperliches und seelisches Leiden, das somit immer aus unserer eigenen Wesenheit kommt.

Aus dem Buddhismus in seiner tibetischen, d.h. tantrischen Form stammt vor allem die Lehre vom feinstofflichen Körper, der aus gesammelter kosmischer Energie besteht und nur in der Meditation erfahrbar wird. Die Behandlung von Blockaden im Fluss der Energie spielt in der tibetischen Psychiatrie eine erhebliche Rolle, tangiert aber weniger den praktischen Arzt.

Im Praxisalltag werden dagegen Rezitationen von Gebeten, aber auch Visualisationstechniken, relativ häufig benutzt, um die Wirkung der therapeutischen Maßnahmen zu verstärken. Die Astrologie ist Teil der Ausbildung der Medizinstudenten und unentbehrlich bei der Vorherbestimmung günstiger Tage für das Sammeln der Heilpflanzen oder für besonders wichtige Behandlungen. Man mag dies alles als magische, schamanistische Praktiken aus vorwissenschaftlicher Zeit abtun, übersieht aber dabei, dass die Tibetische Medizin eine Schulmedizin mit Universitätscharakter darstellt, als Erweiterung jedoch zu unserer allopathischen Medizin eine starke Einbindung religionsphilosophischer Gedanken beinhaltet.

Die Medizintheorie

Wie der Makrokosmos, so setzt sich auch der menschliche Mikrokosmos aus den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Wind oder Luft und Äther, in alles durchdringendes Fluidum, zusammen. Damit besteht eine Korrespondenz zwischen der sichtbaren Welt, dem Körper, den Krankheiten und den Heilmitteln.

Die Elemente konstituieren auch Wind, Galle und Schleim mit jeweils fünf Unterarten. Ihr Verhältnis zueinander ändert sich mit der Tages-, und Jahreszeit und mit dem Lebensalter. Wind (keinerlei Bezug zum meteriologischen Phänomen Wind) verbindet das Bewusstsein mit dem Körper. Seine physiologische Wirkung entspricht der, die wir in der engen Vermischung des Nerven-, des endokrinen und des Immunsystems mit der Psyche heute sehen. Galle (ebenfalls keinerlei Bezug zur Gallenflüssigkeit westlicher Nomenklatur) reguliert Verdauungs- und Stoffwechselvorgänge und Schleim die Körperflüssigkeiten. Diese Säftelehre ist mit der ayurvedischen Säftelehre Indiens praktisch identisch.

Ein Ungleichgewicht der Säfte führt zur Krankheit. Es wird durch die drei Gifte im allgemeinen verursacht, im besonderen durch jahreszeitliche Einwirkungen und durch seelische Störung begünstigt. Weitere Ursachen werden im Einfluss böser Geister und in schädlichen (unethischen) Taten in vergangenen Lebenszyklen (Karmaspuren) gesehen. Falsches Denken im weitesten Sinne, in unserer Terminologie emotionales, religiöses und soziales Fehlverhalten, ist damit die wichtigste Krankheitsursache und bedarf keiner pharmazeutisch-, naturstofflichen Behandlung, sondern einer Änderung der Lebensführung.

Diagnosemethoden und Behandlung

Die grundlegenden Diagnosemethoden

  • Die Befragung: Die Geschichte des Patienten zu berücksichtigen ist als tibetische Diagnosemethode sehr wichtig.
  • Das Betrachten: Die Untersuchung durch Betrachten, besteht aus dem Überprüfen der Merkmale des Patienten wie der körperlichen Struktur des Patienten, der Augen, der Zunge oder des Urins.
  • Die Abtastung: Diese diagnostische Methode betrifft die Körpertemperatur sowie etwaige Entzündungen. Die Diagnose des Pulses ist hier am wichtigsten.

Die Pulsdiagnose

Die Diagnose des tibetischen Arztes beruht fast ausschließlich auf der Pulsdiagnose. Die Pulstastung wird so durchgeführt, dass der Arzt mit seinen mittleren drei Fingern die Pulse der Arteria radialis am Handgelenk des Patienten tastet. Der Zeigefinger drückt bis auf die Haut, der Mittelfinger bis zum Fleisch und der Ringfinger bis zum Knochen. Mit den daumenseitigen bzw. den kleinfingerseitigen Anteilen seiner Fingerkuppen beurteilt er die fünf soliden bzw. sechs Hohlorgane, unterscheidet dabei Hitze- und Kältepulse (Krankheiten) und differenziert nach Körperabschnitten. Mit der Pulstastung ist eine akkurate, nachprüfbare, effiziente und billige Diagnostik möglich. Das Krankheitsspektrum, das damit abgedeckt wird, ist etwa das gleiche, dem sich der im Westen niedergelassene Arzt gegenüber sieht.

Durch den tibetischen Mediziner können aber auch Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Stoffwechselstörungen, Krebserkrankungen oder Tuberkulose in verschiedenen Organen ohne technische Hilfsmittel zumindest qualitativ diagnostiziert werden. Nur in unklaren Fällen wird auch die Urin-, Zungen-, Muttermilch oder Augendiagnostik herangezogen. Eine Anamnese wird eher kursorisch erhoben, eine körperliche Allgemeinuntersuchung findet meist nicht statt.

Die Behandlung

Die Verschreibung von Pillen aus Heilkräutern, Wurzeln, Edelsteinstäuben oder Tierprodukten steht in der Therapie an erster Stelle, wobei eingewandt werden muss, dass sie jedoch in der Reihenfolge der Behandlung erst nach allgemeinen Vorschlägen zur Änderung der Lebensführung, Diätvorschriften und weiterführenden Religionspraktiken zur Anwendung kommt. Die Tibetische Medizin unterscheidet zwei Arten von Heilmitteln: Die besänftigenden und die ableitenden. Sie bilden zusammen die innere Therapie, die vollständig auf Naturprodukten basiert. Die besänftigenden Heilmittel stellen das Gleichgewicht der Säfte wieder her. Die sanfteste Form einer solchen Behandlung ist die mit Dekokten, also einer Abkochung eines pulverisierten Heilmittels, in aufsteigender Wirksamkeit gefolgt von Pulvern, Sirups und Pillen.

Medizin in Tropfenform, bei uns die häufigste Darreichungsform nach den Pillen, kennen die Tibeter nicht. Die Kräuter können natürlich auch zu Salben, Aschen, Zäpfchen, medizinischen Ölen und Butter verarbeitet werden. Sie sind in Badezusätzen enthalten, in Inhalationsflüssigkeiten und schließlich im Weihrauch, der vor allem der Gesunderhaltung dient. Die Räucherstäbchen aus Heilpflanzen werden allerorts zu Hause angewendet, aber auch in die ganze Welt exportiert.

Größere Operationen werden seit Jahrhunderten nicht mehr durchgeführt, obwohl sie früher bekannt waren. Die medizinische Ausbildung ist in traditionellen Chagpori-Medizinschulen (Eisenhügel, erste Akademie für Tibetische Medizin in Lhasa) sowie am Tibetischen Medizin und Astrologiezentrum (Men-Tsee-Khang) in Lhasa (VR. China) und Dharamsala (Himachal Pradesh, Nordindien) zentralisiert. Tibetische Jungmediziner studieren im Regelfall fünf bis sechs Jahre und arbeiten zwei Jahre praktisch, ehe sie diplomiert werden.

Quellen:

Weblinks:

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